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Empathie - eine schmückende Eigenschaft?!

Sabrina Krauss
Leitung der Studiengänge „Psychologie“ und „Arbeits- und Organisationspsychologie“

Empathie ist zurzeit in aller Munde. Es scheint als würde momentan keine andere Eigenschaft in gleicher Frequenz die Selbstbeschreibungen der eigenen Persönlichkeit zieren. Empathisch-sein ist „in“. Lauscht man den Vorstellungsrunden diverser Workshops, Seminare und ähnlichen Veranstaltungsformaten, so hört man, dass im Grunde jeder Teilnehmer – zumindest in der Selbstwahrnehmung - empathisch ist. Selbst in den Wünschen zur personalen Neubesetzung taucht im Rahmen der Stellenbeschreibungen verschiedener Berufsbilder, z.B. dem der sozialen Arbeit, Empathie als notwendige Eigenschaft zur erfolgreichen Erfüllung der beruflichen Anforderungen auf (Köckler, 2020).

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem gesellschaftlich offenbar so positiv konnotierten Merkmal der Persönlichkeit? Fragt man die Personen, welche sich als empathisch beschreiben, woran sie ihr empathisch-sein festmachen, bilden die dann folgenden Kriterien doch häufig ein breites Varianzspektrum ab. Von „ich bin gerne für andere da“ bis hin zu „die Anderen erzählen mir gerne von ihren Problemen“ ist alles dabei. Empathische Menschen scheinen im Alltagsverständnis die zu sein, die andere besser verstehen, denen man sich eher öffnet, die ggf. vielleicht schneller einen besseren Zugang zu anderen Menschen erhalten. Empathische Menschen scheinen sich von den weniger empathischen Personen in besonderer Weise abzuheben.

Diese Sichtweisen werfen mehrere Fragen auf: Ist es überhaupt möglich, dass wirklich eine so große Personenzahl (also fast jeder Teilnehmer eines Workshops) sich von der Grundgesamtheit abhebt? Und warum erscheint es den empathischen Menschen als notwendig, ihre Empathie benennen zu müssen? Ein freundlicher Mensch würde in der Selbstbeschreibung wohl eher auf den Satz „Ich bin sehr freundlich“ verzichten, da diese Eigenschaft für alle anderen sichtbar durch jede seiner Handlungen schimmert. Ebenso würden sehr schöne Menschen wohl auch nicht zwingend sagen müssen, dass sie sehr schön sind, da auch diese Information auf anderem Wege in die Wahrnehmung der Zuhörer bzw. Zuschauer gelangt. Empathie scheint also in besonderer Weise betonenswert. Genau diese besondere Betonung wirft aber eine ganz neue Frage auf, nämlich, ob diese Selbstbeschreibung der besonderen Empathie vielleicht auch etwas von einem ganz anderen – aber gesellschaftlich negativ konnotierten Persönlichkeitsmerkmal hat?

Sich für etwas besser als andere halten, glauben, dass man in irgendeiner Weise besonders sei – diese (Selbst-)Beschreibungen können auch auf eine narzisstische Persönlichkeitsausprägung hindeuten. Das Konstrukt „Narzissmus“ entstammt ursprünglich der klinischen Forschung. So wird es z.B. im amerikanischen Klassifikationssystem für psychische Erkrankungen, dem DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), den Persönlichkeitsstörungen zugeordnet. Allerdings dient die Nutzung des Begriffs „Narzissmus“ oft auch der Beschreibung einer subklinischen, also im weitesten Sinne nicht kranken, Gruppe von Personen. So erweitert sich der Begriff „Narzissmus“ hin zur Umschreibung eines Persönlichkeitsmerkmals und wird im vorliegenden Text auch als solches verstanden. Menschen mit narzisstischer Persönlichkeit zeichnen sich durch eine starke Fokussierung auf die eigene Person und das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, aus (Kuhl, 2001). Dass die jetzigen Generationen im Schnitt immer narzisstischer werden, konnte Jean Twenge in ihrem Buch „Me, my selfie and I“ (2018) anschaulich darlegen. Ist nun das häufige Auftauchen des Attributes „Empathie“ diesem Trend zuzuordnen? Narzissmus und Empathie - in den Definitionen von Narzissmus ein nahezu unvereinbares Duo. Sind also die Menschen, die sich als empathisch beschreiben eher narzisstisch oder wirklich empathisch – aber warum müssen sie es dann extra erwähnen?

Um zu prüfen, ob man wirklich empathisch ist, lohnt sich ein Blick in die Definitionen von Empathie, welche nicht nur in den Assoziationen des alltäglichen Sprachgebrauchs Unterschiede aufweisen, sondern auch in den wissenschaftlichen Definitionen. So definierte Hoffmann (1978) Empathie als Aktivierung von Gefühlen eines Beobachters, wobei die aktivierten Gefühle nicht auf die eigene Situation, sondern auf die, einer beobachteten Person zurück zu führen sind. Dieser Definition folgend, wären empathische Menschen dann solche, die die Gefühle anderer mitfühlen oder zumindest selbst in emotional veränderte Zustände geraten. Legt man diese Definition zugrunde, wäre Empathie für Menschen in z.B. beratenden Berufen eine eher ungünstige Eigenschaft. Ein Berater, der beim Zuhören einer traurigen Episode seines Klienten selbst traurig wird, könnte den Klienten mitunter verunsichern – statt ihm hilfreich zu sein.

Diesem Verständnis von Empathie steht unter anderem die Definition von Bischof-Köhler (1998) gegenüber, in welcher der Kern der Empathie auf dem Verstehen der Lage einer anderen Person liegt, zwar durch eine Art emotionale Teilhabe, aber ohne Gefühlsansteckung. Diese zweite Definition ist sicherlich die praktikablere, nicht nur wenn es um die zuvor beschriebenen Berufe oder gar das Eigenschaftsportfolio einer Führungskraft geht, sondern auch grundsätzlich.

Menschen, die sich selbst als empathisch beschreiben, wissen wahrscheinlich eher seltener um diese Einteilung. Die unreflektierte Benutzung einer Vokabel ist nun nicht zwingend etwas Besonderes, bahnt aber in diesem Falle möglicherweise den Weg in Richtung der Legitimation einer Art „Pseudo-Empathie“. Jeder möchte sich selbst als empathisch darstellen ohne darüber nachzudenken, was das konkret bedeutet und ob es tatsächlich zutrifft. Da tatsächlich gelebte Empathie, im Sinne des Verstehens eines anderen, selbstverständlich ein Plädoyer verdient, sollten wir alle einmal überlegen, ob wir – statt uns nur als empathisch zu beschreiben - nicht mehr Energie darauf verwenden sollten, anderen wirklich unser Verständnis entgegen zu bringen. Das fällt bei Personen, die ohnehin ähnlich denken, leicht. Die wahre Herausforderung liegt darin, sich in Menschen hineinversetzen zu können und vor allem zu wollen, die anders denken als wir selbst. Am Ende zeigt sich hier vielleicht sogar ein ganz neues Phänomen: die absichtlich gewählte „Disempathie“. Diese greift quasi immer dann, wenn innere Sätze wie „Dafür habe ich nun wirklich kein Verständnis! Wie kann man nur so denken?“ und ähnliches sich in den Gedanken verschiedener Interaktionspartner manifestieren. Es wäre doch spannend, einmal das Ausmaß einer solchen Persönlichkeitsausprägung in den Vorstellungrunden diverser Veranstaltungen zu nennen. Allerdings liegt eine solche Offenbarung – nicht zuletzt wegen der sozialen Erwünschtheit – aller Wahrscheinlichkeit nach im Bereich der Utopie. Wer der Selbstreflexion offen gegenüber steht, wird sich vielleicht mit den gelesenen Zeilen kritisch auseinander setzen. Wer sich lieber einem narzisstischen Impuls hingibt, wird die Inhalte wahrscheinlich unter „das betrifft tatsächlich viele andere – aber doch nicht mich“ abtun. Wie auch immer die eigene Persönlichkeit geartet ist, wir können unser Verhalten immer wieder überdenken und anpassen. Vielleicht im Sinne eines einfühlsamen Verstehens gegenüber anderen?

Zur Person: Prof. Dr. Sabrina Krauss ist Professorin für Psychologie und Studiengangleiterin für die Studiengänge „Arbeits- und Organisationspsychologie“ und „Psychologie“ an der SRH Hochschule in Nordrhein-Westfalen. Sie ist seit mehr als 10 Jahren psychologische Beraterin unterschiedlicher Wirtschaftsunternehmen, insbesondere zu den Themen Digitalisierung und Change Management.

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